• Kalimera Kriti

Kreta «verstehen» - oder: erster Urlaubstag mit Hindernissen (Gastbeitrag)

Aktualisiert: Aug 12

In diesem Kreta-Reisebericht berichtet meine Mutter als Gastautorin von viel zu vollen Koffern, einem viel zu langen ersten Urlaubstag mit Hindernissen und viel zu kurzen Kreta-Ferien im September 2019. Sie erzählt von einem Tag, der versinnbildlicht, warum Sie Jahr für Jahr wieder kommt- und nicht nur sie.


Endlich ist es soweit! Heute abend fliege ich mit meiner Kollegin Ruth auf «meine» Insel. Seit gut 25 Jahren verbringe ich dort zweimal im Jahr meine Ferien, und wenn Sie den Kreta Blog meines Sohnes verfolgen, wissen Sie vielleicht warum. Es ist die gleiche Leidenschaft, die gleiche Freude an diesem schönen Flecken Erde, die uns beide verbindet.


Keine Anreise ohne Vorfreude


Mit klopfendem Herzen stehe ich im Wohnzimmer vor meinem übervollen Koffer, wohlwissend, dass ich einmal mehr viel zuviel eingepackt habe. Noch ein telefonisches «Ciao» und ein letzter prüfender Rundgang, dann schleppe ich den über 20 kg schweren Koffer zur Bushaltestelle. Spätestens jetzt weiss ich: Ich lerne es nie. Die Hälfte des Gepäcks hätte gereicht und wäre altersgerechter. Auch Ruth geht es mit 23 kg Kleider und Kosmetik nicht besser. Ich treffe sie keuchend am Bahnhof.

Die Fahrt zum Flughafen und das Einchecken verlaufen ohne Probleme. Der Flug ist ruhig, und völlig verzückt erfreuen wir uns am wunderbaren Sonnenuntergang. «Kriti (Kreta), wir kommen!», denke ich mir. Ruth schlürft derweil genüsslich einen guten Rotwein, um sich etwas zu beruhigen. Ich hingegen muss verzichten, da am Airport unser Mietwagen bereitsteht. Der Weg nach Ierapetra ist trotz neuer Schnellstrasse ein weiter.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie die Familie Kafetzakis uns freudig zuwinkt, wenn wir unser Gepäck die Rampe zum Parkplatz hinaufziehen. «Kalos orisate», herzlich willkommen, rufen Sie uns von weitem zu. Ein junger Mann eilt uns dienstbefliessen entgegen und verstaut die schweren Koffer für uns im Kofferraum. Traditionsgemäss wechselt genau jetzt die erste 400gr schwere Schweizerschokolade den Besitzer. «Chocolata from Helvetia» wird auf Kreta immer wieder gerne gesehen und macht mindestens 2kg meines Gepäcks aus.

Unser Flugzeug versinkt zusehends im Dunkeln. In stiller Vorfreude träume ich weiter vor mich hin. Die Begrüssung der Familie Kafetzakis ist wie immer herzlich, und wie meistens ist der kleine Enkel Thema. Die Augen sämtlicher Generationen strahlen um die Wette. Kinder sind die ungekrönten kleinen Könige auf Kreta. Die Formalitäten für das Mietauto sind rasch erledigt. Und wie immer gibt es vier Fläschchen Mineralwasser und für Stammkunden einen halber Liter feinstes Olivenöl. Dann wünschen wir uns eine gute Zeit. «Bis in zwei Wochen». Die Kafetzakis sprechen ziemlich gut Deutsch. «Take care and enjoy your holidays!», fügen sie hinzu.

Kaum geträumt, schon in Ierapetra


Geschafft! Selbst nach so vielen Kreta-Landungen kräuseln sich mir immer noch die Zehen in meinen Schuhen. Ich bin froh, einmal mehr ist der anspruchsvolle Anflug knapp über dem Meer gelungen. Kaum aufgesetzt, dröhnt der Umkehrschub in den Ohren, die ganze Maschine vibriert. Die Landung war butterweich. Gut gemacht. Die Leute klatschen erleichtert. Niemand will schliesslich am Ende der Piste im Meer wassern. Die Crew bedankt sich für das Vertrauen in die Fluggesellschaft, und aus dem Lautsprecher ertönt jetzt griechische Musik.


Blumen Ierapetra

Wir sind in meiner zweiten Heimat angekommen. Mein Herz klopft hörbar, und als ich aus der Luke des Fliegers auf die Plattform trete, verharre ich einen Augenblick. Ich ziehe den vertrauten Duft tief in meine Nase, breite meine Arme aus und sage: «Kalispera Kriti»! Normalerweise kullern an dieser Stelle auch ein paar Tränen, aber nicht jetzt, nicht heute. Ich würde mich ein wenig vor Ruth genieren, und sie würde mich wohl erstaunt anschauen. Also nehme ich mich zusammen und räuspere unauffälig ein paar mal. Noch versteht sie meine Rührung nicht. In 2 Wochen vielleicht.

Die Übergabe des Autos verläuft genau so, wie weiter oben geschildert. Erwartungsvoll fahren wir durch die Nacht, das Fenster ist offen, es riecht nach Blumen, Oleander, Oleander. Aus dem Radio klingen überlaut griechische Schlager. Ich habe extra diesen Sender gewählt, für die speziellere kretische Musik hätte Ruth noch kein Verständnis. Noch nicht! Ruth erfreut sich an den beleuchteten Dörfern an den Berghängen und an der nächtlichen Autofahrt. Von Zeit zu Zeit kann man sogar das Meer erblicken. Weisse Schaumkronen bilden sich an der Meeresoberfläche, wie Silberstreifen in der Dämmerung.

Nach etwa 1 1/2 Stunden erreichen wir Ierapetra. Wir fahren durch die Innenstadt, mit ihren grösstenteils engen Strassen. Trotz Parkverbot säumen Dutzende von Autos den Strassenrand. Manchmal ist das Autofahren hier Zentimeterarbeit. Ich schaue links, die Mitfahrerin rechts, damit ja kein Aussenspiegel hängenbleibt. Das ist mir alles schon passiert!

Unser kleines Auto parkieren wir ganz unkompliziert direkt vor unserer Lieblingstaverne «Fisekas», wo noch ein paar Leute ihren Schlummertrunk nehmen. Wir umarmen Belgin und Vangelis, das Wirteehepaar, und begrüssen alle Stammgäste. Die meisten kenne ich nach all den Jahren. «Ursula, Ursula, ella kukla,» klingt es dann von allen Seiten.

Inzwischen ist Mitternacht, und Ruth feiert einen runden Geburtstag. Wir stossen mit einem Radler an. Alle wünschen Ihr «alles Gute und viele Jahre» (chronia polla). Die Bierchen gehen als Willkommensgeschenk auf's Haus - so will es die kretische Gastfreundschaft.

Fisekas Ouzeri Ierapetra

Appartement-Suche mit Hindernissen I


Das Appartement, welches wir dieses Mal gebucht haben, kenne ich nicht. Ich wollte deshalb nicht, dass mein unbekannter Vermieter wegen der Schlüsselübergabe Nachtschicht machen muss. Dimitris, ein guter Freund, hat den Schlüssel deshalb auf dem Nachhauseweg von der Arbeit geholt und beim Fisekas deponiert. Eigentlich habe ich angenommen, dass jeder und jede mit meinem Lageplan und den Fotos vom Appartement, wusste, wo unser Feriendomizil zu finden ist. Niemand wusste es. Irgendwo bei der Agia Fotini Kirche am Stadtrand, meinten die Anwesenden. «Siga Siga, keine Panik.» In Kreta gibt es für alles eine Lösung!

Trotzdem verabschieden wir uns und fahren gemächlich zurück zum Stadteingang. Auf der Höhe der Agia Fotini parken wir. Wir wollen das Appartement erstmal ohne Balast suchen. Ruth schaut mich ungläubig an. Mitten in Nacht im Dunkeln in einer für sie fremden Stadt in einer Seitengasse auf Zimmersuche? Ihr ist unwohl. Mir nicht besonders.

Schliesslich machen wir uns mit einer Taschenlampe ausgerüstet auf die Suche. Kaum sind wir ein paar Schritte spaziert, erklingt aus einer Taverne ganz in der Nähe schöne kretische Musik. Ich bin sofort wie elektrisiert und überzeuge meine Kollegin davon, dort noch vorbeizuschauen.

Als wir unsere Köpfe zur Türe reinstrecken, staunen die Anwesenden nicht schlecht. Sie blicken uns an, als fragen sie: «Was wollt ihr Touris denn noch um diese Zeit?» Wir lächelen selbstsicher zurück, und ich versuche, mit meinem spärlichen Englisch und etwas Griechisch zu erklären, dass wir soeben aus der Schweiz («Elvetia») angereist kämen und noch Lust auf einen Raki hätten. Ohne zu zögern, stellt uns der Wirt ein «Karafaki» (kleine Karaffe) und 4 Teller mit Meze auf den Tisch und heisst uns herzlich willkommen.

Unser erster Ferientag geht damit erstmal in die musikalische Verlängerung. Bei solchen Gelegenheiten kann ich es jeweils nicht lassen, Fotos von meinem Sohn mit der kretischen Laute und von seiner kretischen Tanzgruppe zu zeigen. Spätestens jetzt gehören wir dazu. Die 8 jungen Männer und die junge Frau geben alles! Mit verklärten Gesichtern und aus voller Kehle setzen sie alles daran, den «Xenoi» (Fremden) aus der Schweiz eine Freude zu bereiten und sie von ihrem Können zu überzeugen. Für sie ist es eine Ehre, ihre Traditionen zu zeigen, für uns ein ganz spezieller Moment. Und erfahrungsgemäss werden solche Momente auf Kreta mit ein paar Rakifläschchen noch besser.


Appartement-Suche mit Hindernissen II


Um zwei Uhr fährt ein Polizeiauto vor, und der Wirt wird vor die noch immer offene Türe gewinkt. Offenbar gibt es auch in Ierapetra irgendwann Nachtruhe - zumindest in gewissen Stadtteilen.

Die jungen Burschen kippen den Rest Raki in einem Zug weg und verstauen ihre Instrumente. Ueberschwänglich winkend, verabschieden sie sich von ihren neuen schweizer Freunden. So schnell geht das auf Kreta; Musik verbindet eben.

Aber da war ja noch das Appartement. Auf Kreta vergisst man schnell alles um sich herum. Zum Glück zeigt mir die junge Frau noch auf Ihrem Handy, wo es ungefähr liegen muss. So genau weiss sie es auch nicht. Es gäbe da unten 3 kleine Quersträsschen Richtung Meer. In einem davon würden wir sicher unsere Loge finden, meint sie zuversichtlich.

Ruth schaut mich fragend an und schluckt nur leer. «Siga siga», beruhige ich sie, und gemütlich trinken wir unseren Raki fertig, während die Wirtsleute den Rest des Ess- und Trinkgelages vom Tisch räumen. Dann verabschieden wir uns mit einem freundlichen «kali nichta» .

Die erste Querstrasse ist es nicht. Unterdessen ist es stockdunkel in den Gässchen, nur der Lichtkegel unserer Taschenlampe zündet auf die Eingangstüren, die ich anhand der Fotos wiedererkennen soll. In der zweiten Gasse deckt uns ein Mann mit Schimpfwörtern zu, die ich zum Glück nicht verstehe. Er dachte wahrscheinlich, wir seien Einbrecher.

Geduldig wie ich in Kreta in der Regel bin, steuern wir die letzte der Gassen an. Tatsächlich - keine 20 Schritte vom Meer entfernt fällt mein Licht auf die mir aus dem Internet bekannte Eingangstüre mit dem «S» in der Mitte der Glasscheibe. Vorsichtig schiebt Ruth den Schlüssel in das Schloss. Und siehe da, Sesam öffnet sich. Mit dem angeknipsten Licht offenbart sich uns ein wunderschönes, topmodern eingerichtetes Appartement.

Inzwischen ist es viertel vor drei, und wir fast 24 Stunden auf den Beinen. Aber müde sind wir überhaupt nicht. Im Gegenteil, wir sind völlig aufgekratzt von diesem nicht ganz alltäglichen Start in unseren Urlaub. Also packen wir bis um vier Uhr unser Zeugs aus und fallen dann in einen kommatösen Tiefschlaf.

Kreta «verstehen» - ein Fazit


Am andern morgen sind wir um halb neun schon wieder munter. Ich habe zwar eine Kaffemaschine mitgeschleppt, aber den Adapter dazu vergessen. Also schlendern wir am Meer entlang, wo ich ein tolles «open air» Restaurant kenne. Für uns gibt es ein Clubsandwich XXL und einen guten Capuccino. Wir erfreuen uns an der Skyline von Ierapetra und wissen: Wir sind angekommen! Ruth gesteht mir erfreut: So einen speziellen Geburtstag mit Hindernissen habe sie noch nie gehabt.

Wir gönnen uns deshalb später am Abend zu Ehren des Geburtstagskindes direkt noch einen roten und einen giftgrünen Drink in der Akropolis Bar an der Promenade. Um diese Zeit ist bei Kostas immer happy hour! Seine Frau Tassula und er freuen sich über die mitgebrachte Schokolade. Dafür gibt's dann grad noch einen gut gestampften Absacker nach Kostas' Art. Ui...zum Glück nüchtert uns der viertelstündige Nachhause-Weg zu Fuss noch ein wenig aus.


Es waren ganz tolle Ferien. Wie meistens, hat alles gepasst: Wundervolles Wetter, tiefblaues Meer, gutes Essen, gute «parea» (Gesellschaft), gute Livemusik. Wir haben unsere langjährigen Bekannten aus München getroffen und neue Münchner Bekannte kennengelernt. Der kleine Hund, der liebenswerte «Loisl», hat uns mit seinen Schwimmkünsten im Meer viel Freude bereitet. Und alle kommen sie im September wieder, hoffentlich.

Ach, ich könnte noch lange so erzählen. Vielleicht mach ich das ein andermal. Ach ja, Ruth hat ihn jetzt auch, den einzigen positiven Virus, den es gibt - den «Kreta-Virus». Sie «versteht» jetzt alles. Diese zauberhafte Insel und ihre Menschen lassen fast niemanden mehr los. Zu beschreiben, ist diese sonderbare Anziehung nur wage. Oder wie Goethe sagte: «Und wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.»





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