• Kalimera Kriti

Der lange Arm kretischer Gesetzeshüter

Aktualisiert: Aug 12

Sie erinnern sich bestimmt an die feuchtfröhliche Kaffeefahrt in Begleitung zweier angesäuselter Kreter auf dem libyschen Meer vor Ierapetra in meinem allerersten Beitrag. Das war anno 1994, während meinem ersten Individualurlaub auf der Insel, und nicht die einzige Irrfahrt, die ich erlebte.


Mein Schulfreund Antonis (schweizerisch: Toni), bei dem wir damals zu zweit untergekommen waren, hatte uns für den Urlaub kleine Motorräder besorgt. Mit ihnen besuchten wir abgelegene Strände in der Region und fuhren zum Unterwasserfischen. Tonis Elternhaus lag mitten in der Stadt, in einer der zahlreichen engen Einbahnstrassen also, die Ierapetra vor der Errichtung der grosszügigen Fussgängerzone im Stadtinnern praktisch zum Labyrinth machten.

Minibike (Bild: Leah Murray)

Für Ungeduldige bot es sich deshalb an, schnellere, aber illegale Abkürzungen in umgekehrter Richtung zu wählen. Empfehlen würde ich das niemandem - auch nicht auf Kreta. Das Einbahnstrassenschild ist wahrscheinlich das einzige seiner Art, welches selbst Kreter nicht ignorieren. Wir aber taten genau das.

Tonis Grossvater war damals Händler - er machte irgendetwas mit Gips oder Mehl, vielleicht auch mit Johannisbrotbaum-Früchte. Seine Geschäfte tätigte er in der geräumigen Garage des Elternhauses.

Endstation Einbahnstrasse


Das bräunlich-rostige Rollladentor zum improvisierten Lagerraum sollte sich eines Abends, als wir von einem unserer Ausflüge zurückkamen, als perfektes Versteck herausstellen - zumindest für meine zwei Freunde. Ich fuhr wie immer zuhinterst und damit genau ins Sichtfeld der am anderen Strassenende korrekt einbiegenden Polizisten.

Sie hielten direkt neben mir an. Mit genüsslich zur Schau gestellter kretischer Gemächlichkeit kurbelte der Fahrer das Fenster runter. Es war still. Die Augen unter seinen buschigen Brauen zeugten aber vom gleich über mich hereinbrechenden Sturm.

Dann begann der Gesetzeshüter laut zu schimpfen. Er brüllte und gestikulierte nicht so, wie wenn Kreter über das Wetter oder das Abendessen diskutieren, wobei unkundige Touristen befürchten, es fliegen gleich die Fäuste. Nein, er brüllte so, wie wenn gleich die Fäuste fliegen. Verstanden hatte ich seine Schimpftirade natürlich nicht. Die übersetzte mir Toni später. Aber die auffällige Ader auf der braungebrannten Schläfe des Beamten signalisierte mir ziemlich deutlich, dass hier keine kretische Gastfreundschaft mehr zu erwarten sei.

Fussgängerzone Ierapetra

Bis Toni endlich aus seinem Versteck hinter dem halb runtergezogenen Rolladen hervorkam, verging eine halbe Ewigkeit. Zuerst wollten die Gesetzeshüter ihn statt den «ahnungslosen Touristen» - so hatte Toni mich vorgestellt - ins Gefängnis werfen. Aber dann fuhren sie unver-richteter Dinge davon. Eine Busse gab es nicht, und meinen ohnehin nicht vorhandenen Ausweis musste ich auch nicht abgeben. Eines aber hatte ich mir gemerkt: Auch im scheinbar nicht geregelten kretischen Verkehr gibt es Regeln, die man besser einhält.


In Malia schlägt der lange Arm des Gesetzes zu


Der Ex-Knacki, mit dem wir 5 Jahre später in Malia zu dritt auf seiner gemieteten 125er in eine Einbahnstrasse einbogen, kannte diesen Grundsatz offensichtlich nicht.

Wir hatten den Schweizer einige Tage zuvor in der einzigen Rockbar Malias kennenglernt. Wie die englischen Touristen, die Ortsunkundigen bei Dunkelheit mit ihrem Sonnenbrand den Weg zum Hotel leuchten, war er jeden Abend voll. Er provozierte Stress viel lieber, als ihm auszuweichen.

Eines Abends zum Beispiel kam der Ex-Knacki plötzlich durch die Scheibe eines Clubs geflogen, vor dem ich mich erholte. Die drei Türsteher, die ihm hinterherstürmten, liessen erst dann von ihm ab, als ich einen von ihnen schreiend am Kragen packte und ihm auf Schweizerdeutsch Prügel androhte. Als mir meine kurzzeitige Todessehnsucht bewusst wurde, reierte ich erstmal in den nächsten Blumentopf. Der Ex-Knacki warf derweil munter mit Eiswürfeln nach den Anabolikaschränken und beleidigte sie weiter, so gut es sein entstelltes Schandmaul noch zuliess.

So ähnlich ging das jeden Abend in Malia. Kein Wunder also, dass es herzlich wenig brachte, als ich unserer Ferienbekanntschaft beim Abbiegen in die Einbahnstrasse warnend von hinten auf die Schulter tippte. Als hätte ich es gewusst, näherte sich uns von der anderen Seite schon ein Streifenwagen.

Ich und mein Jugendfreund sprangen vom Motorrad und setzten uns wie zwei Nichtsahnende auf den Gehsteig. Wieder hielt der Fahrer an und öffnete gemächlich das Fenster. Nur die Musik aus den umliegenden Clubs war zu hören. Und dann nur noch der Polizist. Hätte seine Stirn eine ähnliche Schlagader geziert wie diejenige seines Kollegen aus Ierapetra, sie hätte den englischen Touristen als Wegweiser gewiss Konkurrenz gemacht.

Der Ex-Knacki blieb wie angewurzelt auf seiner 125er sitzen. Erstens war er betrunken und zweitens konnte er kein Wort Englisch. Schliesslich bat ihn der Beamte mit einer unzweideutigen Handbewegung, näher zu treten. Als der Schuldige seinen Kopf praktisch durch die Scheibe ins Auto streckte, schlug der lange Arm des Gesetzes zu. Eine Busse gab es nicht, und seinen ohnehin nicht vorhandenen Ausweis musste der Ex-Knacki auch nicht abgeben. Dafür holte er sich eine saftige Ohrfeige kretischer Provenienz ab.


Ein kleiner Reisetipp für Sie zum Schluss

Kretas Strassen und das Fahrverhalten vieler Einheimischer können bei Touristen den Eindruck erwecken, alles sei erlaubt. Aber Kretas Strassen haben ganz eigenen Regeln. Sie zu kennen, und zu wissen, an wen sie sich richten, erfordert einiges an Erfahrung. Fahren Sie also lieber einmal mehr korrekt, so wie sie es gelernt haben, und lassen Sie sich nicht von hupenden Einheimischen hetzen. Oder nehmen Sie einfach einen der bequemen Busse der Insel; die sind sehr zuverlässig. Vermeiden Sie es aber auf jedenfall, Einbahnstrassen in der falschen Richtung zu befahren.





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