• Kalimera Kriti

Logbuch Kreta-Urlaub Sept. 2021

Aktualisiert: Okt 2



Tag 1 – Reise, Ankunft und: Ich wünsche mir eine Klimaanlage


Flugzeug geschätzt nur ein Drittel gefüllt. Keine Nasenbären und -Bärinnen an Board. Auch keine Maskenverweigerer, kein Polizeieinsatz, ein ruhiger Flug.

Ankunftszeit 22.30 Uhr, der Flughafen Kazantzakis praktisch menschenleer. Der Boden im Männerklo ist wie gewohnt nass; ich hoffe, es liegt daran, dass kurz vorher mit Wasserschlauch geputzt wurde.

Die Straßen sind leerer als sonst um diese Zeit. Wird an den weniger Touristen nach Hochsaison und am Mini-Lockdown in Heraklion liegen. Ankunft in unserer Wohnung in Koutsounari mit einer Stunde Verspätung. Ich bin hundemüde und wünsche mir eine Klimaanlage im Zimmer.


Tag 2 – Lidl Ierapetra und grosser Strand


Zum Frühstück Zwieback, Instant-Kaffee und Tee – nix anderes da. Dann Lidl Ierapetra. Es gibt Mitarbeiter, die ohne Maske telefonieren. Interessant. Bin während dem Einkauf unentspannt wie immer, zu viele Leute auf einem Haufen. Bin froh, wenn erledigt – und erledigt, wenn erledigt.


Am Mittag Megali Paralia und Taverne Alatsi. Zum großen Strand, Spaziergang durch ca. 140 Olivenbäume, geil. Um 16.00 ziehen Wolken auf und es regnet leicht. Nicht so geil, aber immer noch angenehm warm. Bisschen Klimpern mit der Laute, später Essen in der Taverna Kimeri. Sehr sehr geil.



Tag 3 – Ohne Alkohol und Umarmungen


Frühstück auf unserer Terrasse. Die Sonne brennt bereits frühmorgens. Belagerung durch 5 Katzen. Ich füttere sie mit Putenfleisch, vielleicht ist dann Ruhe. Der Plan war scheiße. Neuer Plan: Im lokalen Supermarkt Katzenfutter kaufen, ein griechisches, das Beste auf der Welt. Sagt die Verkäuferin.

Am Mittag Strand. Es ist ziemlich windig, wahrscheinlich der Meltemi. Vom Türkischen «Meltem» für «sommerlicher Landwind». Die Wirtin vom Fisekas in Ierapetra hat auch türkische Wurzeln. Und deutsche. Treffen uns mit ein paar Freunden zu Meze, Raki und Bier. Für mich ohne Alkohol und Umarmungen.


Tag 4 – Vom Fressen und Essen

Ungeheuer, kleine Version - Koutsounari

Der Katzenfutter-Plan war scheiße. Sie fressen und belagern uns jetzt. Win-Win! Aber für die Katzen. Nach Frühstück Strand, etwas früher als sonst. Meltemi ist auch da, das Wasser umso herrlicher. Habe noch nie so klares Wasser gesehen. Sagt der Typ, der 10 min. nicht weiter als bis zu den Knien hineingeht, seine Frau aber dafür kritisiert, sie tauche ihre Haare nicht unter Wasser.

Am Abend esse ich kretische Spaghetti (skioufichta makaronia) aus Johannes-brotkern-Mehl mit Lammfleisch. Gibt’s in der Taverna Pelagos. Leider kein Product Placement, alles selber bezahlt. Hat sich aber gelohnt.


Tag 5 – Ich bin zu schweizerisch


Ich lasse mich mästen. Live Musik und Stifado in Mochlos, dazu Kraut aus den Bergen und kühles Fix aus der Flasche. Alkoholfrei. Mehr Alkohol gleich mehr Umarmungen - von allen, für alle, für meine Begriffe viel zu überschwänglich, Promiskuität light.

Ausblick von der Taverna Natural, oberhalb Mochlos

Wann wird Ausgelassenheit zu Selbstprofilierung und Fremdscham? Sobald eine Touri sich unaufhörlich vor die Musiker stellt und lautstark mitträllert, finde ich. Erinnert mich in Wort und Tonlage an meine Kindheits-Performance von Hasselhoffs «Aben lucki for fridom». Wenigstens gibt's kein Cancan dazu. Manuela findet, ich bin viel zu schweizerisch. Ich finde, sie hat recht.

Danach Heraklion, 2 Freunde am Flughafen abholen. Auf Kreta gibt es kein grau, nur schwarz oder weiß, Freiheit oder Tod, kaputtes Abblendlicht und Dunkelheit oder Fernlicht und Nebelscheinwerfer. Trotz heroischen, aber zwecklosen Widerstands.

Ach ja, bei unserer Ankunft vor ein paar Tagen, keine PLF- oder Zertifikatskontrolle. Aber am Flughafen in Zürich. In Heraklion dafür spontane Zufallstests.


Mochlos, Blick richtung Agios Nikolaos

Tag 6 – Von unspektakulären Kompromissen und schwindenden Problemen


Halte es für besser, auf Kreta nicht viel zu erleben im Moment. Lieber Erholung, Muse, Nichtstun. Alleine in den Olivenhainen, irgendwo im nirgendwo in Koutsounari's Olivendschungel.

Nicht in 4 Sterne All-Inklusive Hotel in Amoudara. Hab von einer Bekannten (Gast) gehört, dort werde sehr aufgepasst. Buffet und Essen mit Plastikhandschuhen, konsequente Desinfektion, keine Nasenbären unter den Kellnern. Freiheit oder Sterilität. Dazu Amoudara's riesige Schornsteine, schmutziges Meer und kaum verbleibende Tavernen im Kaff. Nicht für mich bitte.


Mein Kompromiss ist unspektakulär, aber stimmig. Für mich. Nicht für manche Bekannte auf Kreta. Begrüßung mit Faust (bounia, Betonung auf a). Schlage niemanden, macht für viele Kreter und -Innen aber keinen Unterschied.

Dafür sonst alles gut: Gicht, Gelenkschmerzen, Verspannungen, das ganze Programm, ... einfach weg. Die Psyche frohlockt, Nasenbären sind mir unterdessen egal. Warte immer noch auf den Tag, an dem die KK mein Kreta finanziert. Freiheit und gratis Urlaub!


Tag 7 – Ode an meine Heimat Rethymno


These und Reisetipp: Je weiter entfernt der Supermarkt von einem touristischen Ballungszentrum, desto geringer die Maskentrag-Moral. Richtung Ferma, im Hinterland von Ierapetra, gen Null. Keine Nasenbären. Keine Masken! Bin tiefenentspannt, hege aber gewisse Bedenken für die Wintermonate.

Nach dem Einkauf Strand. Nix Neues. Dafür habe ich jetzt Sonnenbrand. Bin nicht so die Kartoffel, die sich den ganzen Tag in die Sonne pflanzt, um dann zu leuchten wie der Leuchtturm im wunderschönen Rethymno. Schiebe es auf die Kombination viel Wind, wenig Sonnencreme, noch weniger Hirn.

Den letzten Brand hatte ich 2006. Praktikum im historischen Museum, Heraklion. Am Wochenende einen Freund in Ierapetra besucht. Über Mittag im Kieselsand eingepennt. Uneingecremt. 5 Nächte lang wundgekratzt. Nur unter der kalten Dusche auszuhalten. Am nächsten Sonntag Krankenhausbesuch.

Im Taxi meinte der Fahrer: «Οι Μαλακίες πλυρώνονται» (i Malakies plirononde). Geschieht Dir Recht. Eigentlich: Scheissereien werden bezahlt. Kretische Weisheit, LeserInnen-gerecht übersetzt. Für Sie. Möge «Der da oben» für einmal nicht zuhören.


Tag 8 – Alte Leier und aufwendige Renovationen in Ierapetra


Meltemi übertreibts, nachts Sturm. Beschließen, tagsüber in Ierapetra zu bummeln. Viele geschlossene Geschäfte und Bars, gelbe Sticker mit roter Schrift sind allgegenwärtig: «Ενοικιάζεται» (Enikiasete), «Πωλείται» (puliete), zu vermieten/verkaufen. Ich frage mich, ob der Pandemie geschuldet, oder einfach Ierapetra.

Hintergrund: "Schlafender Zeus", Ierapetra

Unterhalb der venezianisch-osmanischen Festung «Kales» hat sich aber einiges getan. Die alteingesessenen Tavernen unverändert, 2-3 neue hinzugekommen. Und Rakàdika, Raki-Kneipen. Bin bekennender Napoleon-Fan. Nicht vom Typen, der angeblich mal in Ierapetra genächtigt haben soll – von der Taverne am Stadt-Strand. Letzterer scheint jetzt in privater Hand, jede(s) Café betreut ihren Abschnitt selbst. Manche wurden aufwendig renoviert. Bunt, ab-wechslungsreich, Matala-like. Gefällt.


Im Oktober soll der ganze Bums dem Boden gleich gemacht werden, sagt ein guter Bekannter von uns. Ersetzt durch Einheitsbrei. Könnte stimmen. Baubewilligungen sind auf Kreta eher selten In. Bereits 2018 kündigte die griechische Regierung an, landesweit illegale Gebäude in Strandnähe abzureißen. Überflogene Zeitungsartikel bestätigen die Vermutung. Schade. Ierapetras Standpromenade war schon hässlicher. Auch «Kales» wird erneuert. Mit Bewilligung.


Tag 9 - Die Zeit ist des Pathos' Meister

Spaziere am Morgen in Strandnähe an einer Hündin vorbei. 5 Welpen hängen an ihrem Bauch. Die balgen um Milch, Zuneigung und Schutz. Es ist verdammt heiß und wird noch heißer. Ich rufe «Takis Shelter» an. Der kümmert sich um streunende und verletzte Hunde in und um Ierapetra. Am Abend schaut Takis nach dem Rechten. Alle Hundchen gesund, wir füttern und wässern sie. Morgen werden sie wahrscheinlich abgeholt. Von den Guten.

Auf dem Heimweg denke ich an die Teigwaren und das Lamm von Tag 4. Ich fühle mich schlecht. Nicht wegen den Teigwaren. Vegetarismus ist eine gute Sache. Fürs Tierwohl und für die Umwelt. Plan für nach dem Urlaub: Bezüglich Ernährung wieder mal über die Bücher gehen! Aber jetzt noch nicht. Noch nicht.

Die Gladiator-Filmmusik wird in diesem Moment der Ergriffenheit leider nicht eingespielt - wie immer eigentlich, wenn ich Entschlüsse fasse, um sie im selben Moment wieder zu verschieben. Bleibt zu befürchten, dass die Zeit sich einmal mehr als des Pathos' Meister erweist. Hauptsache, mein Sonnenbrand bleibt.


Tag 10 – Die andere Seite des sommerlichen Treibens in der Pandemie


Bei uns im Garten gibt es Futter. Hat sich rumgesprochen. Regelrechte Invasion der süßen Ungeheuer, immer mehr Katzenfamilien besiedeln unseren Garten. Nach dem Frühstück, Strandtag. Wie so oft, Erholung pur, nach einem kretafreien Jahr 2020. Nur: Die Texte gehen mir langsam aus. Ich beschließe, die nächsten Tage mehr zu unternehmen.


v.l.n.r.: Charalampis Paraskakis, Dimitris Sgouros, Dimitris Sideris

Am Abend bin ich mir nicht mehr so sicher. Sitzen in Ierapetra an einem Konzert, direkt am Meer. Sgouros und Sideris spielen, zwei kretische Spitzenmusiker. Der dritte ist auch sehr gut, ich kann aber leider nicht mit seinem Namen bluffen (edit: habs für Sie gegoogelt. Siehe Foto).

Ich versuche, das Treiben für einmal weniger griesgrämig zu betrachten. Gelingt mir mässig. Die Leute feiern, haben Freude, die Stimmung ist gut. Wir sitzen draußen. Es weht eine sanfte Meeresbrise, hie und da bläst mir jemand Zigarettenrauch ins Gesicht. Mir wird bewusst: Die Griechen und Griechinnen haben eine lange Zeit der Entbehrungen hinter sich. Krise, Pandemie, knallharter Lockdown, mehr Krise. Über Monate hinweg. Irgendwann hat man einfach genug von Entbehrungen. Ich verstehe das. Auf Kreta sowieso.


Mühe habe ich, wenn Freiheitsdrang zu Freiheitszwang wird. Oder gibt es ein Menschenrecht darauf, jede(n) abzuknutschen, auch wenn man ihn/sie 2 Stunden vorher bereits beglückt hat? Schlimm finde ich die Knutscherei an der frischen Luft nicht unbedingt. Aber unnötig. Immerhin sind in der Lassithi-Region knapp 68% vollständig geimpft, die Zahlen seit jeher niedrig. Und: Wir werden nicht abgeknutscht. Verstehen dürften unseren strengen Kurs hier die wenigsten. Aber akzeptiert wird er sehr wohl.

Tag 11 – Ein fast perfekter Abend


Es ist heißer geworden auf Kreta. An die 35 Grad. Die Luft ist feucht und drückend; für Haarige bleibt nur noch der Griff zum Föhn. Oder Autofahrt mit offenem Fenster. Die Abende dafür umso angenehmer und ausgedehnter.

Treffen uns in der Taverne Alatsi. Geburtstag meiner Mutter, pandemiebedingt nachgeholt. Für die musikalische Unterhaltung habe ich meinen Freund Vangelis Siligardos eingeladen. Und Angelos. Zwei geniale Musiker, herrliches Kreta-Herbstwetter, leckeres Essen, Raki, gute παρέα (parea, etwa: Gesellschaft). Dazu lästige Mücken, von denen es dieses Jahr irgendwie verdammt viele gibt. Ein fast perfekter Abend eben.

Fotos folgen, sobald von den an der Sause Anwesenden freigegeben. Bis dahin, ein Video von Vangelis, dem für mich unglaublichsten und wahrscheinlich unterbewertetsten Sänger Kretas. Kein Scherz. Die Band «Ena & Ena», deren Teil er lange war, finden sie auch auf Spotify.



Tag 12 - Ein fast perfektes Naturfoto


Ich schäme mich. Haben heute einmal mehr hauptsächlich gegessen. Der Unterhaltungswert von Essgelagen scheint mir für die Lesenden eher gering. Für uns aber nicht.

Am Nachmittag bei Freunden in ihrem wunderbaren Garten. Die Frauen haben leckere Beilagen gekocht, der Mann grillt mit dem Bunsenbrenner. Wird bei uns auf Baustellen oder allenfalls als Flammenwerfer bei einem militärischen Einsatz benutzt, auf Kreta zum Anheizen des Grills. Wir essen viel und gut.

Um 1900 Uhr Fahrt nach Mochlos, meine reparierte Laute holen. Tages-Highlight. Oberhalb des Dorfes Kavousi verpasse ich den Preis fürs beste Naturfoto des Jahres: Kri-Kri (Wildziege) auf schmalem Felsen, umgeben von Abgrund, im Hintergrund der Sonnenuntergang. Übertrifft das Liebesspiel der Bonobos im Urwald punkto Romantik bei Weitem. Hätte übertroffen. Wer Wildziegen fotografieren oder schlimmstenfalls überfahren möchte, dem/der empfehle ich, mit offenen Augen von Kavousi nach Sitia zu fahren. Natürlich mit Fotoapparat.

Später gibt es in Maria's Kantina in Koutsounari einen Absacker. Wer griechisch lernen möchte, dem/der empfehle ich, sich dorthin zu setzen und sich mit den Leuten zu unterhalten. Parea! Direkt an der viel befahrenen Hauptstrasse. Ich find's hier herrlich. Das Klo weniger.


Tag 13 – Die Realität schlägt zurück


Heute wieder mal Lidl Ierapetra. Koutsounaris Supermärkten ist das Katzenfutter ausgegangen. Sind wohl nicht die einzigen mit Kleintierzoo.

Also Lidl. Viel weniger Leute vor den Regalen als letztes Mal. I like. Den Grund weniger: Stehen alle vor der Kasse und benehmen sich als verriegle Noah jeden Moment das Tor zur Arche. Zu wenig Abstand, keine Maske, Nasenbären… die Corona-Realität aus der fernen Heimat meldet sich zurück. Habe sie Schritt für Schritt dem Dolce-Far-Niente geopfert. Jetzt ist sie wieder präsent. In mir, in den Lidl-Besuchenden weniger.


Trotzdem: Individualurlaub auf Kreta geht im Herbst wunderbar. Beste Entscheidung nach einem schrecklichen Jahr Kreta-Pause. Strand, Tavernen, herrliches Essen, gemütliche Gespräche mit vernünftigen und weniger vernünftigen Griechen, Erholung und Entspannung, selbst Live-Musik. Alles möglich. Situation nicht viel anders als in der Schweiz. Eher besser. Maskentrag-Moral tendenziell schlechter. Dafür meist draußen. Immer noch. Bei Temperaturen, von denen wir nicht mal im Sommer geträumt hätten. Auch Ausflüge sind möglich. Wären. Vielleicht nicht unbedingt nach Knossos oder (hier) auf die Insel Chrissi - die Fähren sind voll wie Malia-Touristen, die Masken an Bord gleich unbeliebt wie letztere. Aber etwas in der Nähe. Nach Xerokampos vielleicht, oder zum Kloster Toplou. Oder seine Faulheit mit der Hitze entschuldigen. Alles legitim.


Tag 14 – griechische Gastfreundschaft ultralight


Heute Pizzaessen. Wo, spielt keine Rolle. Gehen seit knapp 25 Jahren dort essen. Nicht regelmäßig, aber pro Urlaub einmal. Von jetzt an keinmal. Erlaube mir, den zu wenig gesalzenen Pizzateig zu bemängeln. Ungenießbar, mehrmaliges Nachsalzen nutzlos.

Es folgt eine 10-minütige Erklärung über den gleichen Teig für alle Pizzen und die Notwendigkeit, bei Pizzen mit Mozarella nachzusalzen, weil nicht gleich salzig wie der holländische Käse, der griechische Pizzen normalerweise ziert. Mag sein, interessiert mich aber wenig. Mehrmaliges Nachsalzen – wie schon erwähnt - ist in so einem Falle nutzlos. Die Frage: «Soll ich ihnen etwa etwas anderes bringen?» nach der Verlesung des Plädoyers ist rhetorisch zu verstehen.

Dann, zwei kapitale Fehler von mir. Ich übersetze dem Wirt die tolle Weisheit: «Der Kunde ist König» (Fehler 1) und füge zudem ein «In der Schweiz» hinzu (Fehler 2). Mag sein, interessiert den Pizza-Leonidas aber wenig. Das ist Griechenland! Mein Essen habe ich zu diesem Zeitpunkt ebenso wie die Diskussion mit dem Typen der Sorte «Ich bin hier heimisch, ich habe immer recht.» abgeschrieben.

Er nicht. Unfreundlich sei ich - auf Griechisch zu reden, so dass niemand der 8 Leute am Tisch etwas verstehen und seine Pizzen verteidigen könne. Ich bauchpinsle ihm und sage ihm, gegen die anderen Pizzen sei nichts einzuwenden. Zum Nachtisch gibt’s Baklava. Ich verzichte. Und für meine Mutter gibt’s ein zynisches «sorry for the salt» mit auf den Weg.


Tag 15 – Ein Urlaubstag verloren, kein Auto gewonnen


Suche ein zweites Mietauto für uns. Anfangs September trotz gegenteiliger Berichte kein Problem. Kreta war zu jenem Zeitpunkt für Deutschland Hochrisikogebiet. Das heißt: Urlaubsstornierungen, - Abbrüche und Platz. Haben bei unserem langjährigen Vermieter nur wenig mehr bezahlt als sonst. Freundschaftspreis.

Jetzt ist die Insel an den Touri-Orten voll, hört man. Kleine und mittlere Fahrzeuge praktisch nicht mehr zu kriegen. Bis anfangs Oktober, sagen einige Vermieter. Oder die Mietfahrzeuge sind unglaublich teuer. Ein Taxifahrer hat uns erzählt, dass viele Anbieter ihre Flotten wegen der Lockdowns nicht erweitert oder gar abgebaut hätten. Zudem gibt es Lieferengpässe für neue Autos, und die Busse auf Kreta dürften aus Vorsicht nicht ganz so oft benutzt werden wie sonst. Zeitungsartikel bestätigen diese Beobachtung auch für andere Ferien-Destinationen.

Ich finde jedenfalls kein Fahrzeug, habe dafür aber einen ganzen Urlaubstag verbraten. Live-Musik in Mochlos gibt’s am Abend nur für die Hälfte unserer Urlaubsgesellschaft. Für mich nicht. Das Gute: Brauche kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, wenn es nicht für einen Ausflug reicht. Ola kala.


Long Beach, Koutsounari

Tag 16 - Der Herbst schlägt zu


Kurzer Herbsteinbruch auf Kreta. Der Süden wie immer wettersicherer als der Norden. Bestätigt durch Touristen, die eben mal in die Psaropoula-Taverne zum Mittagessen kommen. Die Sonne scheint, aber es bläst ein eiskalter Wind. Dunkle Wolken über den Bergen im Hinterland, zwischenzeitlich peitscht einem der Regen gegen das Gesicht. Die rote Flagge weht, der Long-Beach wie leergefegt.

Regenbogen über dem Kakkos Beach Hotel

Am Abend lange Hosen und Pullover. Zum ersten Mal in diesem Urlaub. Immer noch Wind. Wir essen drinnen bei offener Fensterfront. Ohne Vorweisen des Covid-Zertifikat. Legal, illegal? Scheißegal. Ich halte unsere Vorgehensweise nicht für unvernünftig. Kaum Leute in der Taverne, Durchzug, Distanz. Wermutstropfen: Angestellte ohne Maske.

Getestet wird jedenfalls, wie mir eine Bekannte bestätigt hat - sogar für einen Gyros im Pitabrot.


Tag 17 – Aussicht auf ein paar Tage mehr

Unsere Vermieterin hat eine tote Katze am Straßenrand gefunden und entsorgt. Per Kehrrichtsack. Befürchte, es ist die, die wir etwas pietätslos «die ohne Schwanz» getauft haben. Sie hat unserem Streichelzoo seit Tagen nicht mehr die Ehre erwiesen. «A Cretan cat's life's hard», viel mehr fällt mir dazu nicht ein.

In Ierapetra am Waikiki beach gelingt mir doch noch ein Naturfoto. Ich nenne es «Möwe in Sonnenschirm», ohne zu hoffen, einen Preis dafür zu bekommen.

Möwe in Sonnenschirm, Ierapetra, Waikiki

Am Long Beach windet es immer noch. Von Baden kann vorerst nicht die Rede sein. Sitze mit Vangelis im Schatten unserer Pergola/Laube und spiele Laute. Vangelis meint, das Instrument sollte repariert werden. Wurde es bereits in der ersten Urlaubswoche - offensichtlich ungenügend. In der Schweiz kostet mich die Reparatur 3-4 Kretaflüge. Sollte der Instrumentenbauer in Heraklion Zeit haben, steigt die Chance, dass ich meinen Urlaub spontan um einige Tage verlängere.

Am Abend nochmals Pelagos. Bedienung spitze, Essen genial, ich bin begeistert. Was man dort aus traditioneller kretischer Küche Neues, Leckeres kredenzt, sucht in der Lasithi Region seinesgleichen. Keine Schleichwerbung, bezahle immer noch alles selbst.


Tag 18 – Ich verlängere meinen Urlaub


Habe meinen Urlaub heute Morgen im Bett spontan verlängert. Umbuchung kurzfristig und selbst in der untersten Preisklasse (light) der Aegean Airlines kostenlos. Ich find's fresh.

Das Wetter ist wieder besser, weniger Wind, keine Wolken mehr, angenehm warm. Irgendwie habe ich dennoch den Eindruck, der Herbst ist jetzt da. Für Ihren allfälligen Urlaub im Oktober unwichtig: Der Herbst auf Kreta stellt den diesjährigen Sommer in Zentraleuropa locker in den Schatten. Bis zu 30 Grad, am Abend T-Shirt, aber je nachdem lange Hose und Notfall-Pulli.

Sonnenuntergang, Koutsunari

Den gemeinsamen Abschlussabend verbringen wir auf Wunsch unserer Bekannten im Pelagos. Schon wieder, mit wunderschönem rötlich bis violettem Sonnenuntergang. Ich habe tolle Fotos davon - gemacht. Aber Speichern ist ohne Speicherkarte schwierig.

(Edit: Fotos auf wundersame Art und Weise doch noch aufgetaucht. Oder wie es jeweils auf kitschigen Postkarten steht: Magical Crete).


Tag 19 – Kamaki


Wohnen seit heute Mittag in einem Hotel-Appartement im Zentrum Ierapetras. Punkto Sauberkeit und Covid-Massnahmen passt alles. Desinfektionsmittel beim Eingang, Angestellte tragen Masken, Zimmer sauber geputzt und gelüftet. Vermeintlich problematisch für potentielle Herbsturlauberinnen bleibt es tagsüber am Flughafen. Laut Augenzeugenberichten herrscht dort dasselbe Chaos wie immer. Mache mir am Donnerstag selbst ein Bild davon.

Mir ist immer noch schlecht vom Vortag. Kann das Pelagos natürlich weiterhin empfehlen, nur das überdimensionale Tomahawk Steak hat mich gekillt. Vegane Nachurlaubswochen sind fix geplant und sollen gnadenlos umgesetzt werden. Zum Mittagessen gibt es gefüllte Zucchiniblüten und Chorta (Wildgemüse) der Sorte Radikia.


Der Prinz aus Zamunda, kurz: Zamunda

Das Abendessen wird zur Hälfte eingepackt und mitgenommen. Schongang. Ich überlege kurz, nach Koutsounari zu fahren, um «Zamunda» und seine Sippe von zuletzt 15 Katzen mit dem Essen zu beglücken. Meine Naivität beschämt mich. Der süße Bastard streicht hundert pro schon den nächsten Touristen um die Beine und verdreht ihnen den Kopf. Kamaki (καμάκι) nennt sich das Buhlen um Touristen und v.a. Touristinnen im Fachjargon.


Tag 20 - Die Erde bebt


Werde am Morgen durch ein Beben der Stärke 5.8 geweckt. Ich bleibe im Bett - einen Erdbeben-geprüften Beinahe-Rethemnioten erschüttert nichts so leicht. Mir wird trotzdem mulmig. Bilanz: Drei kaputte Gläser in der Küche, zwei Bekannte, die in Unterwäsche auf die Strasse gerannt sind. Ola kala.

Heraklion trifft es schlimmer - die Hauptstadt nahe des Epizentrums verzeichnet mindestens einen Toten und mehrere Verschüttete. In den Medien sind Bilder kaputter Supermarkt-Regale zu sehen.

Casablanca Ierapetra, Fishbowl

Hier spüre ich die Nachwirkungen des Tomahawk-Steaks von Tag 18 mehr als die zahlreichen Nachbeben. Zum Glück. Gegen Unwohlsein hilft warmes Porridge mit frischen Früchten und Zimt im Casablanca, ein herrliches, schattiges Plätzchen im sich erfrischend verändernden Stadtzentrum. Ierapetra ist definitiv mehr als Promenade und Tavernen in der Nähe der venezianisch-osmanischen Festung.

Rest vom Tag: Urlaub ausklingen lassen, Meer und Wärme geniessen und sich gestärkt auf den Pandemie-Winter 2 vorbereiten.

Tag 21 - Wegen zu lauter Musik geschlossen


88 Nachbeben waren es in Ierapetra gestern laut App. Hab keines gespürt. Heute Morgen dafür nochmals 5.3 Richter.


Ierapetra Stadtstrand

Tagsüber ist immer noch Ausklingen angesagt. Heute mit Tavli (Backgammon) im Chocolicious. Ich verliere. Themawechsel 1: Kann die Biscuits mit Vanille-Eis empfehlen.

Themawechsel 2: Unterdessen bin ich nicht mehr sicher, ob ich das romantische Chaos am Stadtstrand von Ierapetra romantisch oder nur chaotisch finde.



Immerhin, die hübsche neue Raki-Kneipe (Mezedopolio) mit dem Arche-Schild hat ihren Strandabschnitt jetzt aufgeräumt. Die Liegebetten sind gestapelt. Vangelis hätte dort auftreten sollen. Nur weil die Behörden den Laden für einen Monat wegen zu lauter Musik (?) geschlossen haben, konnte er für uns spielen (Tag 11). Diskussionslos, Highlight eines super erholsamen, wenig spektakulären Urlaubs.


Tag 21 - Home is where your Heart is


Die erschütternden Bilder der verängstigten Menschen aus Arkalochori bei Heraklion haben unterdessen auch mich via TV erreicht. Halbzerstörte Gebäude, traurige, aufgelöste Einwohnerinnen, Zelt-Provisorien. Knapp 60km entfernt im Südosten Kretas war bis auf etwas Schütteln kaum etwas zu spüren.

Auf dem morgendlichen Weg zum Strand begegne ich zwei aufgelösten Bekannten. Unsere gemeinsame Bekannte ist direkt vor unserer Bleibe beim Verladen der Koffern gestürzt. Krankenwagen, Spitalaufenthalt. So stelle ich mir einen entspannten letzten Urlaubstag vor. Ihr, gute Genesung!

Am Abend am Strand wirds rasch kühl und windig. Immerhin: Um Mitternacht kommt Vangelis vorbei, mein Instrument im Gepäck. In der Schweiz wollten sie es drei Monate zur Reparatur behalten. Hier wurde in 5 Tagen ein schieres Wunder vollbracht. Der Winter ist gerettet, ein Stückchen Heimat in der schweizerischen Fremde gesichert.


Tag 22 - Heimreise: Wo bleibt der Beifall?


Letzter Tag auf Kreta. Der Morgen verläuft unspektakulär, noch einmal das wunderbare Meer in Ierapetra geniessen. Checkout: 11.00 Uhr, Coronabedingt. Heisst: 11.45 Uhr kretische Zeit, bin da entspannter als die Receptionistin. Zum Flughafen geht es mit dem Taxi, die Fernbusse verkehren während der Pandemie seltener als normalerweise. Noch einmal die wunderbaren Berge und das Meer einsaugen, bevor es nach hause geht.

Flughafen - nicht anders als sonst zu dieser Jahreszeit - mässig voll. Checkout ohne Probleme, Diskussionen über das überschüssige Gepäck speditiv erledigt. Kaffee viel zu teuer, aber lecker (kleiner Stand vor der Abflug-Halle). Die Sicherheitskontrolle erfolgt für meinen Geschmack etwas zu chaotisch. Die Leute stauen sich zeitweise am Ende des Rollbands. Wie ging es wohl im Sommer auf dem Flughafen zu und her?

Wir sind zu früh am Gate. Halte die coronabedingt miteinkalkulierte Zusatzzeit für vernünftig aber komplett unnötig. Der Nuschelstimme im Lautsprecher zu zuhören, hingegen nicht. Gate wurde gewechselt, schaffen Flugzeug gerade noch per last call. Wieso wird nach dem Aufsetzen eigentlich nicht mehr geklatscht? Kohle oder Applaus; in der heutigen Zeit muss man sich eben entscheiden - ob Pilot oder Pflegekraft.


Fazit und Reisetipps


Lassen Sie mich ein Fazit ziehen und meine Eindrücke für Ihren nächsten Kreta-Urlaub verarbeiten.


Ein entspannter Individualurlaub auf Kreta scheint mir derzeit absolut möglich. Nebst den Fallzahlen und den geltenden Massnahmen in Griechenland gilt es ein paar Punkte zu beachten.

Die für die Reise notwendigen Formulare sind für eine(n) durchschnittlich versierten Computer/Smartpohne Benutzende(n) ohne grossen Aufwand zu bewältigen. Für weniger versierte Benutzende könnte Nachbarschaftshilfe angezeigt sein. Für den Flug gilt es einige einfache Ratschläge zu beachten, die Sie hier nachlesen können. Erwarten Sie nicht, dass die Toiletten am Flughafen Kazantzakis plötzlich vor Sauberkeit strahlen, und sie so etwas wie geordnete Menschenschlangen antreffen werden. Dafür fehlt dem Flughafen zu Stosszeiten und während der Hauptsaison wohl einfach die nötige Infrastruktur. Für diejenigen, die grosse Menschenmengen zurzeit meiden wollen, bietet sich ein Abendflug an.

Sie haben griechische Bekannte? Stellen Sie sich bei konsequentem Einhalten der empfohlenen Schutzmassnahmen u.U. darauf ein, den Leuten auch mal vor den Kopf zu stossen. Alles in allem glaube ich, dass viele Griechen und Griechinnen nach langem und hartem Lockdown nicht ganz so pingelig mit den Massnahmen sind wie die meisten Schweizer und Schweizerinnen. Die Kuss- und Umarmbereitschaft an der frischen Meeresluft ist jedenfalls grösser als bei uns. Sind Sie nicht in Knuddelstimmung, legen Sie passende Abwehrtechniken oder gute Ausreden zurecht und seien Sie jeden Moment auf Knutschattacken vorbereitet. Als Alternative bietet sich der auf Kreta durchaus verbreitete Fistbump (Faustgruss) an.

In den Supermärkten gilt die Devise: Augen zu, Maske auf und durch. Gerade in dörflichen Regionen kann es gut mal sein, dass sie sich in Zeiten vor der Pandemie wähnen, als Masken noch Karnevalsaccesoires waren. Diese Etablissements sind dafür In der Regel gut gelüftet, und Ihre Empörung wird zusehends der Urlaubs-Entspannung weichen.

Ein Kränzchen gebunden, gehört den meisten griechischen Tavernen. Die Kellnerinnen tragen in der Regel vorschriftsgemäss Masken, wenn auch teilweise unter der Nase. Desinfektionsmittel steht auf jedem einzelnen Tisch bereit. Hie und da wird sogar auf Massnahmen wie Salz-Säckchen oder Brot in Papiertüten gesetzt. Von verschiedensten Tavernen, die für mindestens 3kg mehr Körperfett verantwortlich sind, habe ich es einmal erlebt, dass niemand Maske getragen hat.

Auch in den Hotels, die regelmässig mit Touristen zu tun haben, scheinen die Massnahmen sehr konsequent umgesetzt zu werden. Berichte von Bekannten stützen meine eigenen Erlebnisse während 5 Tagen in Ierapetra. Erkundigen Sie sich im Voraus, welche Hygienemassnahmen in Ihrem Wunsch-Hotel in Kraft sind.

Sollten Sie im Oktober noch ein paar entspannende Tage auf Kreta geniessen und ein Auto mieten wollen, könnte das allenfalls schwierig bzw. teuer werden. Aufgrund der grossen Nachfrage und den Schulferien sind viele Vermieter ausgebucht. Vom Hören Sagen seien die Fernbusse allerdings alles andere als überfüllt, und die Maskenpflicht werde konsequent umgesetzt. Die aufgrund der Pandemie reduzierten Fahrpläne während der Nachsaison finden sie hier (Chania, Rethymno) und hier (Heraklion, Lasithi). Und sonst verdienen die Taxifahrer gerne etwas dazu.


Schönen Urlaub - kalo taxidi