• Kalimera Kriti

Stürmische Zeiten auf der Insel Chrissi

Aktualisiert: Aug 12

Die folgende Geschichte habe ich auf der Insel Chrissi und in Ierapetra erlebt. Sie datiert zurück in eine Zeit, in der auf Kreta gemäss Nostalgikern und Reiseführern noch alles «anders» war. Ierapetra war aber damals schon ein verschlafenes Städtchen im Südosten Kretas, dessen Charme sich den meisten erst auf den zweiten Blick oder eben gar nicht erschliesst. Hier und auf der Insel Chrissi habe ich als 16-jähriger meinen ersten Kreta-Individualurlaub verbracht und mich in Kreta verliebt. Davon handelt diese Geschichte .


1994 hatte mich mein Schukollege Toni (eigentlich: Antonis) zusammen mit einem Freund in den Sommerferien nach Ierapetra in das Haus seiner Familie eingeladen. Tonis Mutter war Schweizerin. Sein Vater war Kreter - und ein halber Bär: Bullig bis füllig, braungebrannt, mit riesigem pechschwarzem Schnurrbart im Gesicht. Motorräder, die vor seinem Häuschen in einer der viel zu engen Strassen Ierapetras geparkt wurden, pflegte der ansonsten sympathische Patriarch kurzerhand per Weitwurf auf die andere Strassenseite zu befördern. Das Wort, das er mit Abstand am meisten verwendete, war «Esel», wobei ich damals nur die schweizerische Version verstand.

Ierapetra Promenade

Das kretische Stadtleben jenseits von Suvlaki und nicht-griechischen AnimateurInnen, die einem in piekfeinen Hotelanlagen versuchen, eine Polonaise als Syrtaki zu verkaufen, gefiel mir von Anfang an. Wir genossen Grossmutters kretische Küche, badeten an verlassenen Stränden und erkundeten Ierapetras Umland mit unseren Minibikes (lesen Sie hierzu auch diesen Beitrag).





«Cast away feeling light»


Selbstverständlich durfte im Rahmen dieser Erkundungstouren auch ein mehrtägiger Abstecher auf die Insel Chrissi nicht fehlen- und die war damals wirklich «anders». Die «südlichste Insel Europas» war sie damals schon nicht, auch wenn einige Ticketverkäufer einem genau das bis heute noch weismachen wollen. Diese Ehre gebührt Gavdos, südlich der Präfektur Chania. Nein, anders war Chrissi Island vor 25 Jahren deshalb, weil das Naturschutzgebiet damals noch viel weniger Touristen anzog.

Für uns war Chrissi gelebte Freiheit und Erholung pur. Die sonnigen Tage verbrachten wir damit, mit der Harpune unser Abendbrot zu jagen, die herrliche Stille zu geniessen, die nur durch die Zikaden sanft unterbrochen wurde, oder einfach damit, nichts zu tun. Abends konnten wir im kristallklaren Meer ungestört baden, wie Gott uns schuf, und geschlafen haben wir unter freiem Sternenhimmel, im von der Sonne aufgewärmten Sand.

Der Sand übrigens ist auf Chrissi immernoch weiss, das Wasser immernoch herrlich - zumindest am «Golden Beach» im Süden der kleinen Insel. Sie werden im Internet sicherlich Beiträge, die Ihnen was anderes erzählen. In 90% der Fälle liegt das aber daran, dass es die Kommentierenden aufgrund exzessiven Bierkonsums nicht mehr zu Fuss auf die gegenüberliegenden Seite des Schiffstegs geschafft haben, sich dann aber um die versprochenen Traumstrände betrogen fühlen.

Aber zurück zu meiner Geschichte. An unserem dritten Morgen auf Chrissi kam starker Wind auf. Die Fähre stellte ihren Betrieb vorübergehend ein, die Touristen blieben aus, und wir schliefen fortan in selbst ausgehobenen Gruben, um den Sandstürmen nicht schutzlos ausgesetzt zu sein. Anfänglich gefiel uns dieses «Cast away feeling light» durchaus. Die Insel war menschenleer, und unser Urlaub nahm endgültig die Züge eines echten Abenteuers an. Am dritten Tag ohne Fähre und Menschenseele jedoch beschlich uns zunehmend ein beklemmendes Gefühl, irgendwo zwischen Klaustrophobie und Panik. Der Inselkoller hatte uns gepackt. Fast eine Woche waren wir jetzt bei sengender Hitze auf Chrissi und konnten nicht weg, und in zwei Tagen sollten wir eigentlich am Flughafen Heraklion unseren Rückflug in die Schweiz antreten. Die Wetterbedingungen aber wurden immer schlechter, so dass sich unterdessen nicht einmal mehr die Fischer Ierapetras auf die Insel verirrten.


Kaffeefahrt bei 9-10 Beaufort


Nur Kostas und Giannis hatten eines Morgens bei 9-10 Beaufort Windstärke auf einen griechischen Kaffee vorbeigeschaut. Einer der beiden war Bankier. Der andere war jedenfalls garantiert kein Fischer oder ein Schiffskapitän. Und beide hatten an diesem Tag bereits frühmorgens eine nicht mehr ganz homöopathische Menge Raki intus.

Trotzdem waren die beiden unsere einzige Hoffnung, und -wie sich herausstellen sollte - Fluch und Segen zugleich. Am nächsten Tag nämlich ging unser Flug in die Schweiz. Uns blieb also keine andere Wahl, als die beiden zu fragen, ob sie uns netterweise mit nach Ierapetra nehmen könnten. Die beiden willigten sofort ein.

Ich weiss nicht mehr, ob ich während der Rückfahrt näher vor dem Erbrechen oder vor dem Einmachen stand. Ich selbst sass - und zwar wie ein Häufchen Elend an die Seile des motorisierten Gummibootes geklammert auf einer steinharten Holzbank. Trotzdem erhob ich meinen Hintern vor Angst nur genau dann, wenn unser Boot meterhoch in die Höhe katapultiert wurde. Die darauffolgende Landung in dem chwarzen Loch, umgeben von riesigen Wellen und fliegenden Fischen, wurde so ein wenig erträglicher.

Unsere blassen Gesichter amüsierten Kostas und Giannis amüsierten sichtlich. Sie fanden es richtig witzig, noch mehr aufs Gas zu drücken und wie zwei kretische Adler durch die Lüfte zu gleiten. Mich erinnerte ihr Lachen irgendwie an einen schlechten Horrorfilm oder einen Psychothriller, und irgendwie konnte ich damals nicht so wirklich mitlachen. Allerdings trug ich anders als die beiden auch keine Schwimmweste, während wir irgendwo im lybischen Meer umherirrten. Und 2-3 Karäffchen (griech.: καραφάκια) Raki hatte ich auch nicht intus.


Status: «Es ist kompliziert»

Seitenstrasse in Ierapetra

Nach geschätzten 3 Stunden tauchte endlich die Silhouette Ierapetras am Horizont auf. Nie wieder hat mich der Anblick dieses Städtchens am lybischen Meer so sehr ergriffen wie genau in diesem Moment. Nie wieder habe ich Ierapetra so unglaublich schön gefunden.

Ok, Ierapertra ist auch nicht wirklich «schön» - jedenfalls nicht, verglichen mit Rethymno oder Chania, deren schmucke venezianisch-osmanische historischen Stadtteile einzigartig sind. Es sind die Einfachheit, der kretische Stadtalltag, das Lebendige und gleichzeitig Verschlafene, die Nähe zu unterdessen vertrauten Menschen und zum wunderbaren lybischen Meer, die Ierapetras eigentümlichen Charme für mich ausmachen und mich seither immer wieder mal hierher ziehen. In welchem Kafeneio Kostas und Giannis - natürlich heissen die beiden nicht so - ihren Kaffee heute trinken, weiss ich nicht. Einige der Kaffees und Tavernen Ierapetras von damals existieren durchaus noch heute. Für die zwei Einheimischen dürfte die Irrfahrt ohnehin nur ein ganz alltäglicher, relativ unspektakulärer Ausflug unter vielen gewesen und insofern längst vergessen sein. Für mich aber bleibt das Erlebnis so etwas wie der Anfang meiner Liebe zu Ierapetra und zu Kreta - einer Liebe, die durchaus auch stürmische und turbulente Züge, jenseits der Urlaubsromantik in Reiseführern, trägt.

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