• Kalimera Kriti

Syrtaki - Typisch kretisch!

Aktualisiert: Juli 29

«Tanzen? Hast Du gesagt Tanzen?» Mit einem süffisanten Lächeln schnippt Zorbas, der Hauptcharakter im gleichnamigen Film, mit den Fingern. Im Hintergrund beginnt die Bouzouki die Klänge anzustimmen, die jeder unweigerlich mit Griechenland verbindet, wenn er nicht gerade an einen Nudeln kochenden Schweizer Tennisspieler denkt.

Spätestens mit der massentouristischen Erschliessung Griechenlands in den 1960ern und 1970ern wurde Mikis Theodorakis «Zorbas dance», wie das Lied eigentlich heisst, ein Welthit. Heute findet man eine Taverne «Zorbas» eigentlich fast überall auf der Welt, und auch 50 Jahre nach der Veröffentlichung des Films «Alexis Zorbas» wird der Syrtaki von vielen Touristen immer noch als der griechische Volkstanz schlechthin gesehen.


Diejenigen, für die Griechenland weit mehr als Gyros und Tzatziki ist, wissen längst, dass der Syrtaki ein reines Retortenprodukt ist. Michalis Kakogiannis, der Regisseur, liess ihn eigens für seinen Hauptdarsteller Anthony Quinn kreieren. Dem Schauspieler waren die Tänze der Insel Kreta, wo die Geschichte des kretischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis spielt, schlicht zu kompliziert.

Die Musik von Theodorakis' Syrtaki aber hat mehr mit Kreta zu tun, als uns in zahlreichen Reiseblogs und Reiseführern weisgemacht wird.




Koutsourelis kretischer Syrtaki (κρητικό συρτάκι)


Wir schreiben das Jahr 1986, irgendwo in Heraklion. Auf einer Bühne sitzt ein älterer, gepflegter Herr mit graumeliertem Haar, Hemd und Faltenhose (siehe Youtube Video). Auf dem Schoss liegt seine kretische Laute. Mit erkenn-barem Zynismus wendet sich der Musiker dem sichtlich amüsierten Publikum zu. Er werde jetzt den berühmten kretischen Syrtaki spielen. «So, wie ich das Lied aufgenommen habe.», betont er. «Nicht wie dieser Theodorakis mit seinem musikalischen Schnickschnack.»

Georgios Koutsourelis (1914-1994) aus Kasteli Kisamou ist auf dem Video 72 Jahre alt. Längst hatte er sich zu diesem Zeitpunkt einen Namen als Virtuose der kretischen Laute gemacht. Hit-Kompositionen wie das Parfüm (Το Άρομα) oder Ich beklage mich über jemanden (Παραπονούμαι μιας ψυχής) dürften damals wie heute an praktisch jedem Fest gespielt worden sein. Dennoch regte er sich offensichtlich auch fast 30 Jahre später noch über Theodorakis Kassenschlager auf, der 1964 aufgenommen und veröffentlicht worden war. Warum?

Koutsourelis war Volksmusiker und in seinem Genre einer der besten und einflussreichsten. Bereits 1950 hatte er den Syrto aus Armenochori (Αρμενοχωριανός Συρτός) geschrieben und erstveröffentlicht. Die Ähnlichkeiten mit dem schnelleren Teil von Theodorakis' Syrtaki, zu welchem der Durchschnittstourist Cancan zu tanzen pflegt oder gar eine Polonaise startet, sind schlicht nicht zu überhören.

1953 nahm Koutsourelis sogar noch eine abgeänderte Version des Stücks mit einem neuen Intro auf. Jetzt nannte er sein Werk sogar Kretischer Sirtaki (Κρητικό Συρτάκι), also «kleiner kretischer Syrtos». Und auch der ach so typische offbeat der Anfangsmelodie fällt in dieser Version bei genauerem Hinhören auf. Die Namensgebung fällt ins Auge. Syrta (Plural von Syrto) werden zwar in ganz Griechenland in den unterschiedlichsten regionalen Varianten getanzt und gespielt. Einen «Kleinen Syrto» aber hat nur Georgios Koutsourelis geschaffen - und mehr als 10 Jahre später ein Choreograph zu Theodorakis Klängen von «Zorbas Dance».


Alles nur geklaut?


Hat Theodorakis das Lied also geklaut? Fundierte Meinungen zum Rencontre zwischen den beiden Musikern sind kaum ausfindig zu machen. Musikethnologen bezeichnen Theodorakis Syrtaki gerne als «Arrangement» von Koutsourelis «Syrto aus Armenochori». Mir bekannte Lautenspieler aus Kreta bevorzugen in der Regel den etwas weniger zimperlichen Ausdruck «Diebstahl».

Dabei stört sie sicherlich nicht, dass eine Melodie neu arrangiert bzw. in diesem Fall in gewissen Teilen praktisch eins zu eins übernommen wurde. Ersteres machen sie auch. Das Neuarrangieren ist Teil einer lebendigen Volksmusiktradition auf Kreta. Was für sie aber gar nicht geht, ist, sich mit fremdem Ruhm zu bekleckern. Mit anderen Worten: Theodorakis hätte Koutsourelis ihrer Meinung nach in seinen Alben zumindest mit Namen erwähnen dürfen, ja müssen.

Koutsourelis selbst dürfte sicherlich auch ein finanzielles Interesse an der Frage der Klärung der Urheberrechte gehabt haben. Darüber, ob jemals eine juristische Auseinandersetzung stattgefunden hat, erzählt man sich im Netz und auf Kreta aber Unterschiedliches.

In Theodorakis Autobiographie «Die Strassen des Erzengels» (οι δρόμοι του αρχάγγελου) wird die Geschichte ungefähr folgendermassen widergegeben. In den frühen 1950er Jahren habe sich Mikis Theodorakis zur Erholung nach Kreta begeben. Als Regimegegner der Militärjunta Griechenlands war er zuvor zwei Jahre inhaftiert und gefoltert worden. An einem einem Kirchweihfest (πανηγύρι) in der Region Chania habe er Teile der Melodie seines späteren Welthits aufgeschnappt. 1951 dann habe er sie in seiner eigenen Version zusammen mit dem Sinfonieorchester Chania in Athen uraufgeführt.

Nicht anders als Koutsourelis habe Theodorakis aus einer bekannten traditionellen Melodie der lebendigen, kretischen Volksmusik sein eigenes Arrangement geschustert, so die Autobiographie. Ein direktes Abkupfern bei Koutsourelis wird damit indirekt bestritten.

Wer im lange Zeit zurückliegenden Streit der beiden Komponisten und Musiker Recht hatte, kann und soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Koutsourelis ist unterdessen verstorben (1994), und Theodorakis wird im Juli 2020 stolze 95 Jahre alt. Auch ohne Partei zu ergreifen, bezeugen beide Versionen der Geschichte recht deutlich: Die Musik des berühmten Syrtaki ist wohl kretischer, als uns dies in unzähligen Reiseführern weisgemacht wird.


Quellenauswahl:


Σ. Κουρούση, Κ.Κονσταντιτσάνου: Μίλιε μου Κρήτη απ τα παλιά. Η Ηστορία της Ελληνικής Μουσικής. Αθήνα, 2016, 215-218.

https://www.youtube.com/watch?v=MXN6G4CMsmA (27.3.2020)

http://theodorakism.blogspot.com/2016/10/blog-post_40.html (27.3.2020)



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