• Kalimera Kriti

Eröffnung der Tourismus-Saison im Juni ?

Aktualisiert: Aug 12

Folgt man den Berechnungen von Giorgos Atsalakis und Charis Papadakis wäre der verspätete Anfang der Tourismus-Saison 2020 im Juni ein durchaus plausibles Szenario. Bereits Ende März liessen die beiden Forscher der technischen Universität Kreta via verschiedene Medien verlauten, dass sich die Anzahl der Neuansteckungen in Griechenland bereits eine Woche nach den rigorosen Quarantänebeschlüssen vom 22. März massiv verringert hätten. Die Kurve steige nur noch langsam und nicht mehr exponentiell (siehe: eefsyn.gr). Als Grundlage für Ihre Erhebung dienten den Wissenschaftlern die Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).


«Die Schlacht gegen das Coronavirus«» ist entschieden


Am 6. April fanden die Statistiken der beiden erneut den Weg in die Medien. «Unser Land hat die Schlacht gegen das Coronavirus für sich entschieden», wird Atsalakis in diversen Onlinemedien zitiert. Die Daten würden verdeutlichen, dass Griechenland den Peak der Neuansteckungen bereits am 1./2. April erreicht habe. Die beiden Forscher würden deshalb davon ausgehen, dass die folgenden Tage den Rückgang der neuen Krankheitsfälle bestätigen würden. Das Ende der Pandemie in Griechenland prognostizieren sie für Mitte/Ende Mai, und führen diese erfreuliche Entwicklung auf die rasche Reaktion seitens der Politik und auf die konsequente Umsetzung der Massnahmen durch die Bevölkerung zurück.

Tatsächlich werden die rigorosen und rasch eingeleiteten Massnahmen der griechischen Regierung, die das Land faktisch gegen aussen abgeriegelt hat, auch von anderer Seite durchaus gelobt - etwa durch die Lungenspezialistin Anastasia Kotanidou (auf in.gr) oder durch SPD nahe vorwaerts.de. Die Entspannung der derzeitigen Situation wäre dem krisengebeutelten Griechenland und seinen Menschen sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht absolut zu wünschen. Und trotzdem sollten Sie Badehose und Reisekoffer vielleicht erstmal im Schrank und die weiteren Ereignisse in Griechenland und auf Kreta abwarten.

Hohe Dunkelziffer bei den Neuerkrankungen


Ende März nämlich sprachen Atsalakis und Papadakis selbst noch von einer hohen Dunkelziffer, also von einer unbestimmten Anzahl täglicher Neuansteckungen, die unentdeckt bleiben. Den beiden Forschern war aufgefallen, dass die Sterblichkeitsrate in Griechenland, verglichen mit dem Vergleichsland Portugal, relativ hoch war (+65%).

Das angeschlagene Gesundheitssystem Griechenlands zogen Atsalakis und Papadakis nicht als mögliche Ursache für diesen unerfreulichen Befund in Betracht. Letzteres funktioniere - eine Einschätzung, die auch Lungenspezialistin Anastasia Kotanidou im derzeitigen Stadium unterschreiben würde (lesen Sie hier). Die beiden Forscher führen die hohe Todesrate vielmehr auf eine hohe Dunkelziffer zurück. Durch die zahlreichen unentdeckten Neuerkrankungen würden die Todesfälle statistisch viel stärker ins Gewicht fallen, so das Forscher-Team.

Giannas Atsalakis und Charis Papadakis sind Ökonomen und Experten für das Erstellen statistischer Prognosen im Bereich Wirtschaft. Die beiden Forscher sind ebenso wenig Epidemiologen oder Virologen wie ich Statistiker bin. In dem Sinne sollen andere beurteilen, inwiefern es Sinn macht, statistische Prognosen anhand der Daten von knapp 30 Tagen zu erstellen. Ein kritischer Einwand sei dennoch erlaubt: Wenn man von einer hohen Dunkelziffer ausgeht, müsste man dann nicht konsequenterweise auch in Erwägung ziehen, dass die beobachtete lineare Steigung der Kurve bzw. sogar ihr vermeintliches Abflachen auf eben diese nicht entdeckten Fälle zurückzuführen wäre? Die veröffentlichten Artikel, die ich zu den Erkenntnissen von Atsalakis und Papadakis finden konnte, bleiben eine Antwort schuldig.

Griechenland testet kaum


Es ist zwar reine Spekulation, aber es wäre durchaus möglich, dass zahlreichere Tests mehr Krankheitsfälle und damit eine steilere Steigung der Kurve offenbaren würden. Die durch Tests erfassten Ansteckungen entsprechen eben nur sehr selten den tatsächlich existierenden Krankheitsfällen. Nicht zufällig sind sich verschiedenste Experten dahingehend einig, dass die Verbreitung des neuen Coronavirus durch gezieltes und häufiges Testen sowie durch die damit verbundenen Massnahmen eingedämmt werden kann. Als Paradebeispiel gilt Südkorea, welches die Pandemie u.a durch zahlreiches Testen praktisch eingedämmt hat.

Griechenland aber führt verglichen mit anderen Ländern sehr wenige Corona-Tests durch. 24'453 Menschen wurden laut dem griechischen Ministerium für Gesundheit (www.moh.gov.gr) bis am 5. April landesweit durchgeführt. Das sind knapp 2,2 Tests auf Tausend Einwohner(innen). Damit reiht sich das Land noch hinter England oder den USA ein, wie die Grafik von Statista weiter unten zeigt. Die Schweiz und Norwegen haben bis zum Stichdatum 9-10 mal so viele Tests durchgeführt wie Griechenland. Die Kurve der täglichen Neuansteckungen aber senkt sich zum jetzigen Zeitpunkt (8. April) noch in keinem dieser Länder.

Entspannung frühestens im Mai


Über eine allfällige Lockerung der Quarantänemassnahmen machen Giorgos Atsalakis und Charis Papadakis keine Aussagen - und schon gar nicht über die Ferienpläne europäischer Touristen. Im Gegenteil: Die beiden betonen ausdrücklich, dass ihre Forschung lediglich dazu diene, die Verbreitung des Virus vorauszusehen. Trotzdem könnten die gar optimistischen Prognosen den ein oder anderen Touristen vielleicht dazu verleiten, auf einen entspannten Griechenland-Urlaub im Juni zu hoffen.

Griechenlands Virologen und Epidemiologen sind da skeptischer. Giorgos Sourbinos etwa ist klinischer Virologe an der Universität Kreta und Mitglied der «nationalen Organistation für die öffentliche Gesundheit» (ΕΔΟΥ). Er schätzt laut In.gr, dass sich die Anzahl der Neuerkrankungen frühestens im Mai senken werde. Griechenland habe den richtigen Weg eingeschlagen und das Virus soweit unter Kontrolle gebracht, aber der Peak sei noch nicht erreicht worden.Das klingt ganz anders als bei Atsalakis und Papadakis.

Sourbinos glaubt zwar, dass es durchaus sein könne, dass bereits im April ein leichtes Abflachen der Kurve zu beobachten wäre; Hoffnungen auf eine rasche Lockerung der Quarantänemassnahmen will er aber trotzdem nicht schüren, wie er in einem Fernsehinterview anfangs April betont (hier zu sehen). Die Situation müsse täglich neu beurteilt und Lockerungen allenfalls Schritt für Schritt eingeleitet werden. Unterstützung erhält er durch die Epidemiologin und Medizin-Statistikerin Vana Sypsa. Sie sagt, Griechenland habe noch einen langen Weg vor sich, und ein Abwärtstrend bei den Neuansteckungen könne sich sehr schnell ändern (hier zu sehen).

«Soft-Reset» im Juni


Ähnlich zurückhaltend gibt sich die Tourismusbranche. Giannis Retsos, der Präsident des griechischen Tourismusverband (ΣΕΤΕ), hat erst kürzlich gegenüber neakriti.gr geäussert, er gehe davon, dass im Juni nur einige wenige Betreiber(innen) ihre Hotels wiederöffnen werden. Dies würde natürlich voraussetzen, dass die griechische Regierung von ihrer bisherigen Strategie abweicht - im Moment sind die Hotels per staatlichen Beschluss geschlossen (siehe Beitrag Corona Info).

Retsos Einschätzungen bedeuten vor allem für Touristen und Touristinnen aus Europa keine guten Neuigkeiten und sie würden den wichtigen Tourismussektor Griechenlands hart treffen. Retsos setzt sich deshalb in der Öffentlichkeit vehement für die staatliche Unterstützung mittels Subventionen und Reduktion der Mehrwertsteuer (ΦΠΑ) einsetzt, was möglicherweise einen Teil seiner düsteren Prognosen erklären könnte. Der 51-jährige rechnet nicht damit, dass der «Soft-Reset», also die allmähliche Wiederbelebung des griechischen Tourismus, vor September Fahrt aufnehmen wird. Ebenso bezweifelt er, dass in der Saison 2020 überhaupt jemals alle Hotels in Griechenland die Tore öffnen. Der Markt werde sich dieses Jahr wohl auf Touristen aus Ländern beschränken, die - so Giannis Retsos - wissen würden, wie Epidemien erfolgreich zu bekämpfen seien. Innerhalb Europas sei Deutschland die Ausnahme. Den Umgang skandinavischer Länder mit der Pandemie kritisiert Retsos dagegen. Er sei sich nicht sicher, ob sie vom griechischen Tourismusverband aus skandinavische Touristen akzeptieren würden, zitiert ihn die Neakriti. Erwartet werden vor allem Reisende aus Israel, Zypern, den Balkanländern und einigen arabischen Staaten. Wenn es nach Retsos geht, soll der Wille der Touristen, vom Virus geplagte Regionen zu besuchen, durch «Gesundheitszertifikate» gestärkt werden. Konkret heisst das: Touristen hätten sich an den Heimflughäfen zu testen, und die griechischen Feriendestinationen hätten ihrerseits mit Tests dafür zu sorgen, dass die Gäste in Ihrem Urlaub keine Ansteckung zu befürchten haben. Entsprechende Diskussionen zwischen der griechischen Regierung und der Ärzteschaft seien im Gange. Letztlich sei aber die gesamteuropäische Zusammenarbeit gefordert.

Nach entspannten Ferien - sofern in Zeiten der Coronakrise überhaupt an Urlaub gedacht werden kann - klingt das irgendwie nicht.




Quellen

Efsyn.gr

https://www.efsyn.gr/efkriti/koinonia/237311_ereyna-toy-polytehneioy-kritis-gia-tin-poreia-toy-koronoioy-stin-ellada

https://www.efsyn.gr/efkriti/koinonia/238078_polytehneio-kritis-sta-teli-maioy-telos-tis-periodoy-exaplosis-toy-ioy

Griechisches Ministerium für Gesundheit (ΕΔΟΥ)

https://www.moh.gov.gr/articles/ministry/grafeio-typoy/press-releases/7040-anakoinwsh-gia-thn-ekseliksh-ths-nosoy-covid-19-sth-xwra-mas

Neakriti.gr

https://www.neakriti.gr/article/ellada-nea/1573509/tourismos-elpides-gia-epanekkinisi-ton-iounio/

News247.gr https://www.news247.gr/good-news/vana-sypsa-koronoio-ftasame-koryfosi-kampylis-syntoma-erthei-kathodiki-poreia.7617434.html

Statista.com https://de.statista.com/infografik/21211/anzahl-der-durchgefuehrten-coronavirus-tests-je-1-mio-einwohner-in-laendern-weltweit/

Audiovisuelle Quellen https://www.youtube.com/watch?v=-Kg13Zqqspg

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